Kreislaufwirtschaft
Kreislaufwirtschaft beginnt nicht erst im Abfall – sondern beim Werterhalt
Die Schweiz wird gerne als „Recycling-Weltmeisterin“ bezeichnet. Das stimmt teilweise: Glas, Aluminium und PET werden seit Jahren effizient gesammelt. Gerade beim Kunststoff zeigt sich aber, wie viel Potenzial noch brachliegt: Pro Jahr fallen rund 790’000 Tonnen Kunststoffabfälle an. Stofflich zu Rezyklat verarbeitet werden gemäss BAFU nur etwa 9 %; der Rest wird überwiegend energetisch verwertet. Viele dieser Kunststoffe stecken in kurzlebigen Produkten wie Verpackungen – ihr Wert ist nach einmaligem Gebrauch verloren.
Global ist das Muster ähnlich. Der Circularity Gap Report 2025 beziffert die globale Zirkularität (Datengrundlage 2021) auf 6,9 %: Nur ein kleiner Teil des Materialeinsatzes stammt aus Sekundärmaterial. Der Punkt ist nicht, Recycling schlechtzureden, sondern es richtig einzuordnen. Zwischen Linearwirtschaft (nehmen-nutzen-wegwerfen), einer reinen „Recyclingwirtschaft“ (am Ende etwas zurückholen) und echter Kreislaufwirtschaft liegt ein grosser Unterschied: Kreislaufwirtschaft hält Produkte möglichst lange im Umlauf – durch langlebiges Design, Reparatur, Wiederverwendung und passende Geschäftsmodelle. Recycling kommt erst danach; energetische Verwertung ist die letzte Option. Das Butterfly-Denkbild der Ellen MacArthur Foundation macht diese Prioritäten greifbar.
Was heisst das für Winterthur? Zwei pragmatische Schritte können den Übergang beschleunigen – ohne teure Symbolpolitik und ohne Versorgungsrisiken zu erzeugen.
Erstens bei kurzlebigen Haushaltskunststoffen: Sammelsysteme wie RecyPac können Wertstoffe zurückholen, wenn Qualität, zentrale Sortierung (z. B. am Standort der KVA), transparente Ökobilanz, sinnvolle Anreize und Absatzmärkte gesichert sind. Genau diese Bedingungen entscheiden, ob Recycling ökologisch und finanziell Sinn macht – und ob es Anreize für besseres Produktdesign setzt.
Zweitens bei der Energie: Für das Rechenzentrum in Neuhegi wird im Endausbau ein Abwärmepotenzial in der Grössenordnung von rund 21-30 GWh pro Jahr diskutiert (bis zu rund 3 % des Winterthurer Wärmebedarfs; Schätzung). Weil die Abwärme auf tiefem Temperaturniveau anfällt, ist eine Nutzung nur dort sinnvoll, wo Abnehmer nahe liegen und Wärmepumpen sowie ein geeignetes Wärmenetz wirtschaftlich integriert werden können. Die Stadt nennt dafür z.B. eine Anhebung von 24 °C auf 70 °C und ein neues Wärmenetz. Da die verfügbare Abwärmemenge auf Schätzungen beruht und nicht garantiert werden kann, reduzieren verlässliche Messdaten, klare Verträge und Lösungen für Spitzenlast die Risiken. Gelingt das, kann Abwärme die Fernwärme ergänzen – insbesondere dann, wenn Winterthur Materialkreisläufe stärkt und die Wärmeversorgung perspektivisch breiter abstützt.
So wird Kreislaufwirtschaft konkret: Wert erhalten statt Wert verheizen – Schritt für Schritt, messbar und wirtschaftlich vernünftig.